Glas.

April 30, 2010

Da sitzen. warten. aber auf was denn nur?
aufstehen. weitermachen. – sitzen bleiben.

ich schaue aus dem Fenster. Sehe den Bus. er steht. still. und wartet.
dann fährt er los. vorbei an meinem Fenster, so schnell, dass sogar die Scheiben klirren. zu schnell. Eine falsche Bewegung und sie sind kaputt.
Vor meinem inneren Auge sehe ich eine Hand. meine Hand. Sie greift nach vorne. berührt das kalte Glas. und es zerspringt. in tausend kleine Scherben. Sie fliegen durch die Luft. Landen nach einer Sekunde auf dem Boden. & bleibe dort liegen. ruhig.

Meine Hand fängt an zu zittern. überall kleine Schnitte. Das wollte ich nicht.
Aus den Wunden rinnt Blut. Am Anfang nur ganz wenig. Ich bin wütend. Ich balle meine Hand zu einer Faust. Schmerz. Schreie. Tränen. Stille.-  ich mache meine Hand wieder auf. schaue auf sie hinab. überall Blut. mir wird schlecht. ich schließe meine Augen.

öffne sie wieder. Jetzt sehe ich nur noch viele kleine Narben. Ich schaue wieder aus dem Fenster und sehe den Bus gerade noch am Horizont verschwinden. Glück gehabt. Ich lebe. noch einmal.

wieder hinsetzen. ablenken. nicht ans Fenster und den Bus denken. grauenvoll. viel zu schnell vergeht die Zeit. ich will, dass sie stehen bleibt. jetzt. oder jetzt… oder erst später.

-

zuerst nur ein Gedanke. oder schon ein Wort? aufgeschrieben. sie vermehren sich. aufgereiht wie Perlen an einer Kette. stehen sie da. schwarz auf weiß. sie hängen miteinander zusammen. sie ergeben Sinn. für mich zumindest. das reicht. eine Geschichte. sie gefällt mir. meistens jedenfalls. erfunden. nur manchmal. aber die Gefühle sind echt. doch die gehören nur mir. vielleicht auch dir. nur dir ganz sicher auch. und dir sicher nicht.

jetzt öffne ich das Fenster.

Auf der Burg

Februar 7, 2010

Der Nebel ist zu dicht und die Schneeflocken kommen in zu großen Massen vom Himmel. Ich sehe den Berg auf der anderen Seite nicht mehr. Die Bäume und Sträucher im Garten  verschwinden vor meinen Augen. Gerade trugen sie noch reife, saftige Früchte. Himbeeren. Ribisel. Brombeeren. Stachelbeeren. Blaubeeren. Alles was das Herz begehrt. Nicht mehr. Jetzt ist alles leer und kalt. Der Garten ist verlassen. Keiner traut sich mehr die Stiegen hinunter zu gehen seit sich eine dicke Eisschicht darüber gebildet hat. Den Kindern hat man es seiner Zeit sogar verboten. Jetzt wollen sie nicht mehr.

Und doch, mich zieht die Einsamkeit an die dieser Garten vor dem Fenster ausstrahlt. So ruhig liegen die Beete vor mir. Das Bild vor meinen Augen erinnert mich an einen Friedhof. Doch ich werde nicht traurig. Ich werde sehnsüchtig. Erinnerungen schießen in mein Gedächtnis. Bilder vor meinen Augen.  Bunte Farben. Lautes Gelächter. Fröhlichkeit. Leichtigkeit. Unbekümmertheit. Die Sommertage einer Kindheit. Meiner Kindheit. Hier auf der Burg. Alles hatte ich hier. Freunde. Familie. Hunde. Schafe.Die  Freiheit alles zu tun. Oder fast alles halt. Von einer Mauer zur gegenüberliegenden. Vom Burgtor bis zur Sternwarte. Es war  unser Reich. Meine Welt. In dieser Kapelle dort wurde ich getauft.  In dem Zimmer da drüben hab ich das erste Mal meinen Namen geschrieben.  In diesem Pool hinterm Garten hab ich zum ersten Mal einen  Köpfler gemacht.  Auf diesem Weg vor der Tür bin ich zum ersten Mal alleine Fahrrad gefahren. Und dort hinter dem Pool hab ich gelernt was es heißt etwas gemeinsam zu schaffen.  Ein Loch haben wir gegraben. Eine Folie ausgelegt. Und Fische gekauft. Wir haben einem ungenützten Fleckchen Erde Leben eingehaucht. Auf dem Baum vor der Tür hab ich gelernt zu klettern.  Und auf dieser Wiese liegend hab ich meine ersten Bücher gelesen.  Ich habe den Unterschied zwischen reifen und ungenießbaren Früchten gelernt.
Für eine liebevolle Umarmung und eine heiße Schokolade musste ich nur einen Stock höher in die Wohnung gehen. Ein Holzschwert um Ritterkämpfe mit meinem Bruder zu veranstalten habe ich aus der Werkstatt auf der anderen Seite bekommen. Überall Menschen die ich lieb hatte. Auf die ich mich verlassen konnte. Die da waren wenn ich sie brauchte. Die einfach dazugehörten. zur Burg. Zu meinem Leben hier.  Beständigkeit, war das Wort um alles zu beschreiben. Auf das alles hier konnte ich mich verlassen.
So vieles hab ich gelernt, erlebt und gelebt.

Das war meine Kindheit im  Sommer. Schon seit längerem ist sie vorbei. Zu ende. Vergangenheit. Erinnerung.
Jetzt ist es kalt. Hier oben sogar noch kälter. Wie ich es so wie von den vielen Wintern davor  schon gewohnt bin.  Doch so vieles hat sich verändert.
Stiller ist es geworden.  Aber nicht friedlicher. Viele Menschen sind gegangen, oder einfach nicht wieder gekommen. Andere Menschen sind eingezogen. Auch die Hunde haben Namen und Rasse gewechselt. Alles ist anders. Nur die Burg steht noch da wie gewohnt. Jeder Stein liegt auf einem anderen und sie bilden die Mauern. Ich streife mit der Hand darüber. Wische den Schnee weg und kratze das Eis hinunter.  Ich spüre meine Finger nicht mehr. Ich drücke fester gegen den Stein und doch, da ist er unter meiner Hand. Erleichter stelle ich fest er fühlt sich es fühlt sich gleich an. Es ist der selbe von damals. Ich gehe ein Stückchen weite. Ich knie mich auf den Boden. Berühre die Stiege. Sie ist schon freigeschaufelt vom Schnee und ich berühre die kalte, nasse Oberfläche. Es ist die selbe.  Jetzt fange ich vor Freude an zu laufen, so gut es eben geht im Schnee. Ich bleibe vor dem Baum stehen und starre ihn an. Mein Baum. Ich habe Angst. Schwer beugen sich die Äste dem Boden zu. Zu viele Schneeflocken sind heute schon auf ihnen gelandet. Ich berühre den weiß-braunen Stamm und atme aus.  Und fühle. Es hat sich nichts verändert. 

Mir geht’s wieder gut. Ich habe die Veränderung akzeptiert. Ich habe die Beständigkeit der Natur zu schätzen gelernt. Ich bin glücklich hier zu sein. Solange ich im Freien sein kann. Drinnen in der Wohnung. Dort sind zu viele Menschen die mir nichts mehr bedeuten. Zu viel Leid.
Neben mir frisst das Feuer im Kamin einen Holzscheit nach dem anderen. Und gleich werde ich wieder hinausgeschickt, ins Freie, um frisches Holz aus dem Schuppen zu holen.

Wolken.

Januar 27, 2010

schreiben. übers schreiben schreiben.

vor ein paar Monaten habe ich damit angefangen. zu schreiben. regelmäßig. wann immer es nötig war. aufschreiben. einfach alles. was ich sagen konnte. was ich nicht gesagt habe.

Gefühle auszusprechen, darin war ich nie gut. schweigen eine Lösung? nein. irgendwann nicht mehr. es musste raus. jedes Gefühl ein Wort. eine Geschichte. und sie stauen sich auf in mir. wollen doch raus aus meinem Kopf. in die Welt. frei sein und dinge erleben.bewegen. verändern. doch der Weg durch den Mund ist verschlossen.

ich rede viel. oft ohne zu denken. die falschen Wörter kommen finden den Weg nach draussen. nur um Platz zu machen für neue Gefühle. wichtige Wörter.die meine Zunge nicht formen wollen. die den Weg durch den Mund nicht finden können.

eine Wolke am Himmel. ich sehe sie. weiß auf strahlend blauem Hintergrund. schön ist sie. mittelgroß. mittelklein. mitteldick.unverändert. perfekt. als hätte sie ein Kind gemalt. sie zieht übers Land. hoch oben in der Luft. über unseren köpfen vorbei. frei. doch nicht selbstbestimmt. vom Wind getragen.

sie hört Wörter. beobachtet Menschen. sammelt Geschichten. schöne. traurige. sie erzählen vom Leben hier unten. auf der Erde. Tropfen entstehen in der Wolke. sie will darüber reden was sie sieht und hört. den Menschen sagen was sie denkt. was sie fühlt. was sie schon erlebt hat. doch sie kann nicht. & sie zieht weiter. die Tropfen stauen sich in ihr. sie hat das Gefühl gleich zu zerplatzen. immer weniger Raum bleibt zwischen den Gedanken. den Tropfen. immer neue Wörter. und immer weniger Zeit. ein kleiner Windstoß ein anderer Mensch eine neue Geschichte. ich weiß nicht was sie dazu bewegt hat. doch plötzlich regnet es. sie hat sich befreit. sie ist leer. aber nicht gefühllos. hat nur Platz geschaffen für Neues. ihre Geschichte erzählt. mit jedem Wort. jedem neuen Tropfen. sie war ehrlich. damit wir daraus lernen. & damit sie das Leid nicht mehr alleine tragen muss. sie ist jetzt bereit weiter zu ziehen. neu. offen. hat die Geschichten der vergangenheit hinter sich gelassen. & wird sie dennoch nie vergessen.

manchmal nur. wenn es kalt ist. sehr kalt. schirch. ungemütlich. grauslich. entstehen wieder neue Gedanken. sie sind fast nicht mehr auszuhalten. an solchen Tagen. und die Tropfen werden schwerer. die Wolke verändert ihre Form. immer öfter. doch mehr Platz schafft sie so nicht. sie will die Tropfen wieder verstecken. sie will sie nicht loslassen. zu grauenhaft. ehrlich. zu oft schon gedacht. doch sie wollen wieder raus. die Geschichten. die Wörter. die Tropfen. wo nur verstecken? unsichtbar machen? verdrängen. noch weiter nach hinten. bis kein Platz mehr da ist. sie müssen raus. doch nicht so offensichtlich. nicht so klar. verändert. aus Angst. weil sie schützen will. die Menschen. und vor allem sich selber. & so verwandeln sich die Tropfen am Weg nach unten zu uns. es schneit. denn die Wolke hat einen neuen Weg gefunden. sie hat es schon gesehen bei anderen. nicht daran geglaubt dass sie es auch kann. dass sich ihre Wörter auch verwandeln. doch sie hat es geschafft.

jetzt ist sie glücklich. nach so langer Zeit. jetzt hat die Wolke die Wahl. zwei Möglichkeiten ihre Geschichte loszuwerden. denn sie hat einen Weg gefunden auch die schwersten Tropfen frei zu lassen. ihnen die Freiheit gegeben alles zu tun. da oder dort. hier. bei mir oder bei dir zu landen. als Schneeflocke. Nur den Tropfen darin. das Wort. das Gefühl selber müssen wir Menschen dann alleine entdecken. wenn wir wollen. und bereit dafür sind.

schreiben. meine Gedanken in Schneeflocken verwandeln. nicht gesprochen, aber trotzdem frei. zurückgelassen. auf Papier. aber nicht vergessen.

wer lesen will. nur zu. ich werde aber niemanden zwingen. ich habe meinen Weg gefunden. und ich bin glücklich. ich werde immer noch manches für mich behalten. wenn ich keine Worte finde. aber diese Gefühle trage ich im Herzen. ich will sie nicht aussprechen. nicht aufschreiben. nicht zurücklassen. nicht vergessen. sondern immer bei mir tragen. keine Worte dafür finden. weil ich nicht danach suche. sondern einfach fühle.

und sonst schreib ich weiter. für dich. für mich.

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